Eine Frage des Respekts

Der Flughafen Frankfurt ist ein internationales Drehkreuz. Die Belegschaft ist ebenso international. Da kann es schon mal zu Konflikten kommen. Deshalb gibt es die ehrenamtliche Tätigkeit der Respektlotsen. Was man darunter versteht und wie sie ihre Aufgabe angehen, erklärt Tadesse Gebreyesus im Interview.

Autor Holger Toth, Universum Verlag

Wir alle kennen Fluglotsen. Aber was macht ein Respektlotse an einem Flughafen?
Tadesse Gebreyesus: Wenn Mitarbeiter zum Beispiel Probleme mit Kollegen haben, trauen sie sich oft nicht, ihre Vorgesetzten darauf anzusprechen. Das gilt auch, wenn es Konflikte mit ihren direkten Vorgesetzten gibt und sie sich an die nächsthöhere Ebene wenden müssten. Dann kommen sie zu mir und ich helfe ihnen.

Tadesse Gebreyesus arbeitet als Flugzeugabfertiger und Ausbilder am Flughafen Frankfurt bei der Fraport AG. Er unterstützt seinen Arbeitgeber als Sicherheitsbeauftragter bei Fragen des Arbeitsschutzes. Außerdem ist er als Respektlotse tätig. In dieser Funktion ist er für seine Kolleginnen und Kollegen vertrauensvoller Ansprechpartner bei Problemen.

Wie oft bitten Kollegen um Hilfe?
Gebreyesus: Im Jahr 2024 kam es oft vor, da gab es jeden Monat ein bis zwei Fälle. Ich denke, es lag daran, dass nach Corona viele neue Mitarbeiter eingestellt wurden, auch aus verschiedenen Nationalitäten. Mittlerweile ist es aber ruhiger geworden.

Mit welchen Fragen und Problemen wenden sich Mitarbeiter mit Migrationshintergrund besonders häufig an Sie?
Gebreyesus: Es kann sich um einfache Missverständnisse handeln. Wenn Mitarbeiter zum Beispiel nicht hören oder nicht verstehen, dass sie über Lautsprecher ausgerufen werden, kann es schon mal vorkommen, dass es Ärger mit ihrem Gruppenleiter gibt. Manche sind dann beleidigt, gehen nach Hause, machen krank. Wenn sie mich dann anrufen, sage ich: Komm, wir reden darüber. Ich höre zu und versuche zu vermitteln. Wichtig ist, dass die Mitarbeitenden wissen, dass sie mit ihren Anliegen zu mir kommen können – ich unterstütze sie, wo ich kann. Oft geht es dabei auch um Beleidigungen, Kränkungen und ähnliche Konflikte zwischen Mitarbeitern.

Wie können Sie den betroffenen Beschäftigten denn helfen?
Gebreyesus: Meistens sind die Mitarbeiter auf 180, wenn sie zu mir kommen. Ich beruhige sie also erst einmal. Wichtig ist: Alles, was mir die Mitarbeiter erzählen, bleibt unter uns. Dieses Vertrauen zu mir haben mittlerweile auch alle Beschäftigten. Deshalb können wir miteinander offen über alles reden.

Wann stoßen Sie an Ihre Grenzen?
Gebreyesus: Ich schlichte nicht zwischen zwei Mitarbeitern, die einen Konflikt haben. Das ist Chefsache, das muss also der Stellenleiter machen. Denn ich weiß ja auch nicht, was wirklich vorgefallen ist. Der Mitarbeiter, der zu mir kommt, erzählt mir nur seine Sicht der Dinge.

Bei welchen Fällen müssen Sie Ihren Vorgesetzten hinzuziehen?
Gebreyesus: Viele machen krank, wenn ein Problem nicht gelöst ist. Sie trauen sich aber nicht, zum Chef zu gehen und darüber zu reden – das übernehme ich dann. Handelt es sich beim Thema oder beim Vorfall um etwas Schwerwiegendes, erkläre ich dem Mitarbeiter, dass wir das melden müssen.

Haben Sie im Beruf eigene Erfahrungen mit Vorurteilen gemacht? Und wenn ja: Helfen die Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Migrationshintergrund?
Gebreyesus: Ich bin hier in Deutschland aufgewachsen, komme aber aus Eritrea. Seit 25 Jahren arbeite ich hier am Flughafen. Am Anfang war ich der einzige Farbige in der Abteilung, habe viel miterlebt. Aber ich habe mir nie etwas gefallen lassen und meine Meinung gesagt. Wenn die Mitarbeiter jetzt mit solchen Problemen zu mir kommen, verstehe ich sie. Ich gebe ihnen viel Zeit und höre ihnen zu.

Hat sich durch Ihre Tätigkeit als Respektlotse das Arbeitsklima verbessert? Ist vielleicht sogar die Zahl der krankheitsbedingten Ausfalltage zurückgegangen?
Gebreyesus: Wenn man die Probleme anpackt und löst, fühlen sich die Mitarbeiter wertgeschätzt und natürlich besser, als wenn man sie ignoriert. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Gruppenleiter, der seine Mitarbeiter schlecht behandelt und beleidigt hat – die kamen dann zwei Wochen nicht zur Arbeit. Wir haben mit dem Gruppenleiter darüber geredet und er hat sein Verhalten daraufhin geändert. Die Mitarbeiter arbeiteten nun wieder zuverlässig – ohne Ausfallzeiten. Wenn du die Mitarbeiter mit Respekt behandelst, bringen sie dir auch Respekt entgegen.

Sie sind außerdem Sicherheitsbeauftragter. Was sind da Ihre Aufgaben?
Gebreyesus: Ich gehe regelmäßig durch den Betrieb und schaue zum Beispiel, ob die notwendigen Überprüfungen der Geräte durchgeführt wurden oder ob Steckdosen funktionieren. Wenn es einen Defekt gibt, melde ich das, damit es repariert werden kann. Ich bin außerdem Ausbilder für Flugzeugabfertiger und führe Sicherheitsunterweisungen für meine Führungskraft durch.

Welchen Einfluss hat es auf den Arbeitsschutz, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund am Flughafen arbeiten?
Gebreyesus: Ich habe live miterlebt, dass schlimme Unfälle passiert sind, weil manche Mitarbeiter einige Dinge lockerer sehen. Wir nehmen den Arbeitsschutz aber sehr ernst und versuchen, das Risiko zu minimieren. Wenn die Leute zum Beispiel aufgerufen werden auf Position, achte ich darauf, dass sie ihre persönliche Schutzausrüstung tragen.


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Alle Fotos: © Dominik Buschardt