Teilhabe mit Plan

Mitreden statt nur mitgemeint sein: Krefeld entwickelt einen Inklusionsplan gemeinsam mit Menschen mit Behinderung. Wie das gelingt und was andere Kommunen daraus lernen können, erläutern die Krefelder Inklusionsexperten Tobias Jung und Karin Hammermann im Interview.

Autor Holger Toth, Universum Verlag

Herr Jung, was bedeutet für Sie Teilhabe?

Tobias Jung: Ich verstehe Teilhabe nicht nur als Frage einzelner Unterstützungsleistungen, sondern auch als Frage verlässlicher Strukturen. Menschen mit Behinderungen haben sehr unterschiedliche Lebenssituationen und Bedarfe. Deshalb ist mir wichtig, genau hinzuschauen: Wo bestehen Barrieren? Welche Unterstützung wird gebraucht? Und wie können wir Rahmenbedingungen schaffen, die Teilhabe im Alltag möglichst selbstverständlich machen?

Sie haben als Sachgebietsleiter der Eingliederungshilfe, als stellvertretender Abteilungsleiter der Fachstelle für behinderte Menschen im Arbeitsleben und als Inklusionsbeauftragter gleich drei Funktionen bei der Stadt Krefeld. Inwiefern profitieren Sie von diesem Aufgaben-Mix?

Jung: Die Themen hängen enger zusammen, als es organisatorisch zunächst wirkt. Bildung, Alltag, Arbeit und soziale Teilhabe lassen sich in der Praxis oft nicht voneinander trennen und greifen häufig ineinander. Viele Fragestellungen ähneln sich: Welche Bedarfe bestehen? Wo gibt es Barrieren? Und wie können tragfähige Lösungen aussehen? Die unterschiedlichen Aufgaben ermöglichen einen breiteren Blick über einzelne Zuständigkeitsgrenzen hinweg. Dadurch lassen sich Erfahrungen aus der konkreten Praxis besser mit strukturellen Fragestellungen verbinden. Gerade diese Verbindung unterschiedlicher Perspektiven kann helfen, Inklusion als Querschnittsaufgabe weiterzuentwickeln und nicht nur aus einzelnen Fachbereichen heraus zu denken.

In diesem Punkt kommen Sie als Leiterin des Projekts Inklusionsplan ins Spiel, Frau Hammermann. Was steckt dahinter?

Karin Hammermann: Inklusion wird oft nicht als gemeinsame Verantwortung aller Fachbereiche gesehen. Es bleibt dann bei Einzelmaßnahmen, die eben meist auch nur einzelne Probleme lösen. Ein Inklusionsplan verfolgt dagegen einen fachbereichsübergreifenden und strategischen Ansatz. Er bündelt Maßnahmen, schafft einen abgestimmten Gesamtprozess und unterstützt die systematische Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.

Was ist dabei die größte Herausforderung?

Hammermann: Inklusion als Querschnittsaufgabe der gesamten Stadtverwaltung zu verankern. Es bleibt eine zentrale Aufgabe, für das Thema zu sensibilisieren und bei allen Beteiligten kontinuierlich Überzeugungsarbeit zu leisten.

Gibt es Themen und Handlungsfelder, die priorisiert wurden und werden?

Hammermann: Wir bearbeiten im Inklusionsplan ganz konkret folgende Themen: Sensibilisierung beispielsweise durch Angebote von „Stillen Stunden“, Barrierefreiheit im Verkehrsraum für bestimmte Sozialräume, inklusive Orte der Begegnung und Information in Form von barrierefreien Apps für Veranstaltungsinfos.

Porträtfoto Tobias Jung

Tobias Jung bringt bei der Stadt Krefeld drei unterschiedliche Perspektiven auf Teilhabe ein. Als Sachgebietsleiter der Eingliederungshilfe steuert der Jurist Leistungen zur Teilhabe. Als stellvertretender Abteilungsleiter der Fachstelle für behinderte Menschen im Arbeitsleben ist er in fachbereichsübergreifende Abstimmungen eingebunden. Zudem nimmt er als Inklusionsbeauftragter die Schnittstellenrolle zwischen Verwaltung, Politik und Bürgerschaft ein.

In Krefeld wird stark auf Beteiligung gesetzt. Wie gelingt es, Menschen mit Behinderung aktiv in die Entwicklung und Umsetzung des Inklusionsplans einzubeziehen?

Hammermann: Das geschieht schon allein durch die Zusammensetzung der Gruppe. In der Projektgruppe sind von rund 80 Mitgliedern rund 40 Bürgerinnen und Bürger mit Behinderung. Alle Entscheidungen werden in der Gesamtgruppe getroffen. Auch in den AGs sind Krefelderinnen und Krefelder mit Behinderung die größte Gruppe. Menschen mit Behinderung sind in alle Entscheidungs- und Planungsprozesse eingebunden und bestimmen von Anfang bis Ende aktiv mit. Auch an den Textfassungen für die politischen Beschlüsse arbeiten die Bürgerinnen und Bürger mit Behinderung mit. Die Arbeitsgruppen zum Inklusionsplan funktionieren ausgesprochen gut. Das Interesse, sich ehrenamtlich einzubringen, ist erfreulich hoch und ungebrochen.

Porträtfoto Karin Hammermann

Karin Hammermann ist Inklusionsplanerin der Stadt Krefeld. Die Politologin übernahm Ende 2023 die neu geschaffene Stelle, nachdem die Stadt beschlossen hatte, einen kommunalen Inklusionsplan zu entwickeln. Sie koordiniert die Entwicklung des Inklusionsplans, vernetzt Verwaltung, Politik, Verbände und Bürgerschaft und organisiert die Beteiligung von Menschen mit Behinderung.

Jung: Nach unserer Beobachtung funktionieren vor allem Formate gut, die den direkten Austausch ermöglichen. Besonders wertvoll ist es, wenn Menschen ihre konkreten Alltagserfahrungen einbringen können und diese Erfahrungen mit Verwaltung, Politik und weiteren Akteuren zusammengeführt werden. Entscheidend ist, dass die Ergebnisse tatsächlich für die weitere Arbeit genutzt werden. Nur dann ist Beteiligung glaubwürdig. Menschen müssen nachvollziehen können, was mit ihren Anregungen passiert. Dazu gehört auch, transparent zu sagen, was umgesetzt werden kann, wo Grenzen bestehen und welche nächsten Schritte daraus folgen. So entsteht Vertrauen.

Was macht den Krefelder Ansatz aus Ihrer Sicht zu einem möglichen Vorbild für andere Kommunen?

Jung: Der Krefelder Ansatz verbindet Beteiligung, Fachlichkeit und praktische Umsetzung und versteht Inklusion als Querschnittsaufgabe. Wenn es gelingt, gute Ziele in verlässliche Strukturen und konkrete Schritte zu übersetzen, kann daraus auch für andere Kommunen ein interessanter Ansatz entstehen.

Hammermann: Aus meiner Sicht zeichnet sich der Krefelder Ansatz insbesondere durch die umfassende Beteiligung verschiedener Akteure aus. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass die Maßnahmen konkret formuliert und mit klaren Verantwortlichkeiten hinterlegt werden. Statt allgemeiner Handlungsempfehlungen entsteht so ein umsetzungsorientierter Plan. Gleichzeitig wurde bewusst auf eine umfangreiche Ist-Analyse und die Beauftragung externer Agenturen verzichtet. Die intensive Erarbeitung und Abstimmung der Maßnahmen erfordert zwar Zeit, führt jedoch zu einer höheren Akzeptanz und besseren Umsetzbarkeit in der Praxis.

Wie können Sie überprüfen, ob der Inklusionsplan erfolgreich ist?

Hammermann: Wir evaluieren regelmäßig, welche Maßnahmen umgesetzt werden konnten, welche nicht realisiert wurden und welche Gründe dafür ausschlaggebend waren. Die Erkenntnisse fließen unmittelbar in die Weiterentwicklung und die Planung zukünftiger Maßnahmen ein.

Jung: Erfolg lässt sich natürlich letztlich nicht nur an Zahlen messen. Natürlich braucht es Ziele, Maßnahmen und nachvollziehbare Entwicklungen. Genauso wichtig ist aber die Frage, ob Teilhabe im Alltag der Menschen spürbarer und selbstverständlicher wird. Deshalb würde ich immer beides betrachten: messbare Fortschritte und Rückmeldungen aus der Praxis.


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Fotos: Stadt Krefeld / Leon Weiss