Sichere Arbeit im Klärwerk

Abwasser, Klärsch lamm, Viren last, ätzende Chemikalien, Absturzgefahr, Lärm: Der Arbeitsalltag in Kläran lagen hält für Beschäftigte einige Gefährdungen parat. Ein Rundgang über das Gelände des Hauptklärwerks Stuttgart-Mühlhausen.

Autor RENÉ DE RIDDER

Explosionsgefahr oben auf dem Faulturm! Ein Schild warnt vor Gasarbeiten, Tauchequipment liegt in luftiger Höhe auf dem Laufgitter. Der Job der Spezialtaucher hört sich extrem an: Sie werden mit Schutzausrüstung, Glocken, Seilen und Funkverbindung zwanzig Meter tief in den Turm hinabgelassen. Am Boden führen sie Reparaturen durch, umgeben von ca. 10.000 Kubikmetern heißen Klärschlamms und Klärgasen.

„All das passiert unter hohen Sicherheitsvorkehrungen“, betont Hilmar Tetsch. Die seltenen Wartungsarbeiten der Fremdfirma passen zum heutigen Rundgang. Der Koordinator für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz will Besuchern zeigen, welche Sicherheitsherausforderungen in Klärwerken zu bewältigen sind. Bei der Tour folgen wir dem Weg des Abwassers. Und beginnen da, wo es aus Stuttgart und weiteren Städten eintrifft – im Rechen- und Sandfanggebäude, wo eine erste mechanische Grobreinigung stattfindet.

VIDEO: Spezialeinsatz: Auf einem Faulturm des Klärwerks werden Taucher zu Wartungsarbeiten in das Innere des Turms hinabgelassen. Das blau-rote Kommunikationskabel gehört zum Tauchequipment.

Große Schneckenpumpen heben das Wasser an, es läuft durch Rechen, die sogenannte „Grobstoffe“ herausfiltern. Gemeint sind Essensreste, Toilettenpapier und Hygieneartikel. In seltenen Fällen können das auch Autoreifen, Motorenteile oder ganze Holzbalken sein. Wer die Halle zum ersten Mal betritt, muss sich erst mal an den intensiven Fäkalgeruch gewöhnen. In einer zweiten Halle werden Fette, Öle und Sand aus dem tiefschwarzen Abwasser herausgefiltert.

„In den Hallen kann gefährliche, explosionsfähige Atmosphäre entstehen, es darf nur funken freies Werkzeug benutzt werden“, sagt Hilmar Tetsch. Beide Gebäude werden mit Gaswarnsensoren überwacht. Zusätzliche Gefährdungen für Beschäftigte entstehen, wenn die Aggregate verstopft sind und diese auseinandergebaut werden müssen. Dann drohen den Schlossern potenziell Quetschungen oder Schnittverletzungen.

Hygiene besonders wichtig

Im Rechen- und Sandfanggebäude ist die Virenlast in der Luft etwas höher. Deswegen sind die Becken abgedeckt, und die Luft wird abgesaugt und gereinigt. Ein Grund, warum Hygiene nicht nur hier, sondern auf dem gesamten Gelände großgeschrieben wird. Für die Beschäftigten heißt das etwa: Hände desinfizieren vor jedem Kaffee und vor jeder Arbeit am PC.

Unterwegs zur nächsten Station geht es vorbei am Störfallbecken. Das wird nur bei Starkregen oder nach Unfällen aktiviert, falls größere Ölmengen ins Abwasser geraten sind. Wenn das Becken gereinigt wird, gehen die Beschäftigten nur im Team und mit mobilen Gasmessgeräten runter. „Auch hier ein Bereich mit Ex-Gefahr und Rutschgefahr“, sagt Tetsch.

Ein paar Schritte weiter: Sprudelndes Abwasser so weit das Auge reicht. Im Belebungsbecken wird das Wasser biologisch gereinigt, sprich: Es werden Sauerstoff und Chemikalien hinzugegeben. Bakterien und Mikroorganismen reinigen das Abwasser. Für Beschäftigte ist an diesem Ort besonders viel Vorsicht angesagt – warum eigentlich?

Der Klärsch lamm wird entwässert, getrocknet, zersch lagen und anschließend verbrannt.“

Durch den Zusatz von Sauerstoff ist die Wasserdichte im Belebungsbecken herabgesetzt und erschwert das Schwimmen im Becken. Auf dem ganzen Betriebsgelände muss bei Arbeiten über Wasserflächen eine Schwimmweste getragen werden. Und Arbeiten am Wasser werden grundsätzlich im Team vollzogen. Zudem sichern sich die Beschäftigten bei besonders gefährlichen Arbeiten über dem Wasser mit PSA gegen Absturz.

Frage: Wie begegnet man all diesen Gefährdungen auf dem Betriebsgelände des Klärwerks? Dafür gibt es ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Täglich finden morgens Sicherheitsbesprechungen in den Arbeitsbereichen statt. Und der Koordinator für Arbeitsschutz vermittelt mit seinen „Monatsmitteilungen“ Infos zur Sicherheit und Gesundheit.

Mehrmals im Jahr wird bei Begehungen geprüft, welche Gefährdungen sich ergeben könnten. Dabei prüft Tetsch auch, ob Betriebsanweisungen und Arbeitsschutzpläne auf dem neuesten Stand sind. Einmal in zwölf Monaten treffen sich die Sicherheitsbeauftragten der Stuttgarter Klärwerke und des Tiefbauamts zum Erfahrungsaustausch.

‚Herzstück‘ der Unfallprävention sind die Unterweisungen. Neben den Pflichtkurzunterweisungen, die alle Meister in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen machen, wird vor allen gefährlichen Arbeiten separat unterwiesen. Und einmal jährlich wird ein Unterweisungsrundlauf durch alle Betriebsteile veranstaltet“, erzählt der 48-Jährige.

Abwasserreinigung

Mittlerweile ist die Besuchergruppe am Gebläsehaus angekommen, die Turbinen dröhnen. Die Kompressoren verdichten die Luft und blasen diese zur Sauerstoffversorgung der Mikroorganismen ins Belebungsbecken. Obwohl Aggregate und Halle schallgedämmt sind, ist es ziemlich laut. Auch die Wärme ist deutlich zu spüren. In heißen Sommern verursachen die Kompressoren eine solche Hitze, dass sie manchmal ausfallen.

Daneben ein weiterer Gefährdungspunkt: Ein großer Edelstahltank voller Eisenchlorid. Die Chemikalie für die Phosphor-Elimination ist stark ätzend. Am Tank sind Notduschen angebaut, übrigens inklusive beheizter Wasserleitungen für den reibungs losen Winterbetrieb.

Zum Ende des Rundgangs führt Tetsch im wahrsten Sinne des Wortes zu einem ‚Hotspot‘ in Sachen Arbeitssicherheit: Im Wirbelschichtofen verbrennt Klärschlamm. Genauer gesagt, der Schlamm wird entwässert, getrocknet, von aufgewirbeltem Sand in winzige Teile zerschlagen, bei 850 Grad Celsius zu Asche verbrannt und dann als Versatzmaterial im Bergwerk eingelagert.

Die Arbeit rund um den Ofen hat es in sich. Viele Gefährdungen konzentrieren sich auf einen einzigen Ort. „Es gibt heiße Leitungen, hohe Drücke, Chemikalien, Hitze, Lärm und Schlammgeruch, und das alles auf engem Raum und im Dreischichtbetrieb“, beschreibt Hilmar Tesch die herausfordernden Bedingungen. Er erinnert sich an zwei Unfälle, bei denen es zu schweren Verbrühungen mit brühend heißem Wasserdampf und einmal mit Klärschlamm kam. Doch solch schwere Unfälle kommen im Betriebsalltag nur sehr selten vor. Aus Tetschs Sicht ist der Wirbelschichtofen infolge vieler Schutzmaßnahmen kein Unfallschwerpunkt.

Häufigere Unfälle im Klärwerk sind weitaus unspektakulärer: Stolpern und Stürzen u. a. wegen Unaufmerksamkeit.

„All das passiert unter hohen Sicherheitsvorkehrungen“

Hilmar Tetsch | 04.06.2022 | 00:32 Sec.
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  1. Sind die vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellten Geräte gemäß VDE geprüft, und ist die Prüfung noch gültig?
  2. Ist mein Arbeitsmittel frei von Beschädigungen, denn durch Herunterfallen des Arbeitsmittels könnte ein innerer Schaden entstanden sein, der zu einem Kurzschluss führt?
  3. Ist meine Steckdose optisch okay und hat sie einen Berührungsschutz?
  4. Liegen Stromkabel auf dem kürzesten Weg zur Steckdose, sodass ich nicht darüber stolpere?
  5. Ist verhindert, dass Kabel auf scharfen Kanten liegen oder gequetscht werden?
  6. Befindet sich mein elektrisches Gerät auf einem nicht brennbaren Untergrund, etwa einer Fliese?
  7. Sind nur bestimmungsgemäße Geräte im Einsatz und wird der Stecker nach Gebrauch gezogen?
  8. Ist der oder die Beschäftigte im Umgang mit den elektrischen Betriebsmitteln unterwiesen?
  9. Werden nur hochwertige Produkte mit CE-Zeichen genutzt?